Neue Meta-Analyse: Sind Süßungsmittel ein Problem?
Süßungsmittel stehen immer wieder in der Kritik. Eine neue Meta-Analyse randomisierter Humanstudien liefert Hinweise auf mögliche Effekte auf den Glukosestoffwechsel. Doch wer daraus ableitet, dass Süßungsmittel grundsätzlich problematisch sind, übersieht einen entscheidenden Punkt: Stevia ist nicht Sucralose. Und der Vergleich mit Wasser beantwortet eine andere Frage als der Vergleich mit Zucker.
Ob Süßungsmittel ungesund sind oder den Stoffwechsel beeinflussen, gehört zu den kontroversesten Fragen rund um Zuckerersatzstoffe. Dabei klingen einfache Antworten besonders verlockend. Die einen sehen darin eine sinnvolle Möglichkeit, Zucker zu reduzieren. Die anderen halten sie grundsätzlich für problematisch.
Mit Stevia haben wir uns deshalb bereits ausführlich beschäftigt. Dabei ging es um die Studienlage, unterschiedliche Steviolglycoside, Rohstoffqualitäten und Dosierungen. Unseren ausführlichen Artikel findest du hier:
→ Stevia im Faktencheck: Wie sicher ist der Zuckerersatz?
Die Veröffentlichung einer neuen Meta-Analyse nehmen wir nun zum Anlass für ein Update. Die Autoren werteten 21 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) zu verschiedenen Süßungsmitteln aus. Als Vergleich dienten kalorienfreie Kontrollen wie Wasser oder Placebo und nicht Zucker.
Das ist wichtig. Denn damit beantwortet die Analyse eine sehr spezifische Frage: Welche Effekte haben Süßungsmittel, wenn der Vorteil der eingesparten Zuckerkalorien nicht berücksichtigt wird?
Die Ergebnisse sehen zunächst kritisch aus
Im Durchschnitt waren die untersuchten Süßungsmittel mit einem leicht höheren Nüchterninsulin und einem geringfügig höheren HbA1c verbunden. Für Nüchternglukose und Blutfette zeigte sich dagegen kein eindeutiger Effekt.
Doch wie groß waren diese Unterschiede tatsächlich? Beim Langzeitblutzucker HbA1c betrug der Unterschied 0,07 %. Relativ betrachtet entspricht das bei einem Ausgangswert von 5,3 % einem Anstieg von rund 1,3 %. Vereinfacht ausgedrückt: Aus 5,3 Prozent würden rechnerisch etwa 5,37 %. Auch beim Nüchterninsulin war der Unterschied gering.
Ob Veränderungen dieser Größenordnung für die Gesundheit gesunder Menschen langfristig relevant sind, lässt sich daraus nicht ableiten. Hinzu kommt: Unter dem Begriff Süßungsmittel werden chemisch sehr unterschiedliche Substanzen zusammengefasst.
Stevia, Sucralose, Aspartam und Saccharin schmecken zwar alle süß. Das bedeutet aber nicht, dass sie im Körper identisch wirken.
Stevia ist nicht Sucralose
Wie relevant diese Unterscheidung sein kann, zeigt eine randomisierte Humanstudie mit 120 gesunden Erwachsenen. Die Teilnehmenden erhielten über zwei Wochen Saccharin, Sucralose, Aspartam oder Stevia in Dosierungen unterhalb der jeweils zulässigen täglichen Aufnahmemenge.
Saccharin und Sucralose verschlechterten in dieser Studie die glykämische Antwort signifikant. Für Stevia und Aspartam wurde ein solcher signifikanter Effekt dagegen nicht beobachtet.
Gleichzeitig veränderten alle vier untersuchten Süßungsmittel bestimmte Merkmale des Darm- und Mundmikrobioms. Was solche Veränderungen langfristig für die Gesundheit bedeuten, ist bislang nicht ausreichend geklärt.
Auch andere Studien kommen nicht immer zu denselben Ergebnissen. Neben der konkreten Substanz dürften Dosierung, Dauer der Einnahme und individuelle Unterschiede relevant sein.
Die sinnvollere Frage lautet deshalb nicht: Sind Süßungsmittel gesund oder ungesund? Sondern: Welcher Süßstoff, in welcher Menge, über welchen Zeitraum und im Vergleich womit?
Der Vergleich mit Zucker verändert die Frage
Im Alltag werden Süßungsmittel häufig eingesetzt, um Zucker zu ersetzen. Damit verändert sich die wissenschaftliche Fragestellung.
Ein gutes Beispiel liefert eine sechsmonatige randomisierte Studie mit 47 übergewichtigen Erwachsenen. Die Teilnehmenden tranken täglich einen Liter zuckergesüßte Cola, Diet Cola, fettarme Milch oder Wasser.
In der Gruppe mit zuckergesüßter Cola fiel die Zunahme des Leberfetts gegenüber den drei anderen Gruppen um 132 bis 143 % höher aus. Auch bei Fett im Skelettmuskel, viszeralem Fett, Triglyceriden und Gesamtcholesterin zeigten sich ungünstigere Veränderungen. Diet Cola zeigte bei den untersuchten Parametern dagegen weitgehend ähnliche Effekte wie Wasser.
Das zeigt, warum der Vergleich entscheidend ist. Die Frage, ob ein Süßungsmittel gegenüber Wasser metabolisch neutral ist, ist nicht dieselbe Frage wie die, ob es sinnvoll sein kann, damit Zucker zu ersetzen.
Was bedeutet die neue Analyse?
Die Meta-Analyse liefert keinen Grund, Süßungsmittel pauschal als harmlos einzustufen. Sie liefert aber ebenso wenig eine Grundlage dafür, alle Süßungsmittel als ein einheitliches metabolisches Problem zu betrachten.
Entscheidend sind die konkrete Substanz, die Dosis, die Dauer der Einnahme und der Vergleich. Gleichzeitig bedeutet eine marginale Veränderung einzelner Biomarker nicht automatisch, dass daraus langfristig relevante gesundheitliche Folgen entstehen.
Und was bedeutet das für Stevia?
Für unsere eigenen Rezepturen ist diese Differenzierung relevant, weil wir Stevia-Extrakt verwenden.
Aus den hier diskutierten Humanstudien ergibt sich für Stevia kein vergleichbares spezifisches Signal für eine Verschlechterung der Glukosetoleranz wie für Saccharin und Sucralose. Das bedeutet, dass sich die Ergebnisse anderer Süßungsmittel nicht ohne Weiteres auf Stevia übertragen lassen.
Mehr über die Studienlage, Steviolglycoside und Sicherheitsbewertung findest du in unserem Stevia-Faktencheck. Welche Qualität wir selbst verwenden und warum wir auf einen Extrakt mit 97 % Rebaudiosid A setzen, erklären wir auf unserer Stevia-Seite.
Du willst mehr darüber erfahren?
- Artificial and Other Non-Nutritive Sweeteners, the Microbiome, and Cardiometabolic Health | Current Atherosclerosis Reports (2026)
- Personalized microbiome-driven effects of non-nutritive sweeteners on human glucose tolerance | Cell (2022)
- Sucrose-sweetened beverages increase fat storage in the liver, muscle, and visceral fat depot | The American Journal of Clinical Nutrition
- Stevia im Faktencheck: Wie sicher ist der Zuckerersatz? | ASPRIVA
- Stevia in ASPRIVA: 97 % Rebaudiosid A, laborgeprüft | ASPRIVA